Erich Braun-Egidius

Erich Braun-Egidius hat 22 Jahre für die Europcar Vorgänger Selbstfahrer Union und interRent gearbeitet, von 1956 bis 1978. Der heute 83-Jährige war unter anderem Betriebsleiter in Hamburg, Frankfurt und München. Er erzählt uns von einer Zeit, als das Geschäft mit der Autovermietung nach ganz anderen Regeln funktionierte – aber auf denselben Prinzipien beruhte: Service, Einsatz, Innovation. 


Erich Braun-Egidius über …

… Stammkunden:

Braun-Egidius heute in seinem Haus in Bargteheide - und 1975 in der Rolle als US-Tourist für ein Werbefoto (gr. Foto, l.)

Als ich 1956 bei der Selbstfahrer Union angefangen habe, war das Geschäft noch sehr lokal. Alle unsere Firmenkunden stammten aus der Umgebung. Und es war sehr persönlich: Ich erinnere mich zum Beispiel an Jürgen Werner, damals Außenläufer beim HSV. Der kam gern nachmittags zu mir und fragte: „Herr Braun, haben Sie noch eine Abendfahrt für mich?“ Die Abendfahrt war eine Spezialität: Wenn die Wagen nachmittags um vier oder fünf Uhr von den Firmen zurückkamen, konnten die Mitglieder sie für einen besonderen Tarif leihen. Gereinigt waren die Wagen dann natürlich nicht. 


Ein anderer Stammkunde war der Chef eines Tiefbauunternehmens. Jeden Freitag fuhr er die Löhne aus, die damals noch wöchentlich und in bar ausgezahlt wurden. Er fuhr seine Baustellen ab und drückte jedem Mitarbeiter seinen Umschlag in die Hand. Bis zu 20.000 D-Mark hatte der jeden Freitag dabei, damals irre viel Geld. Und deshalb hat er jede Woche einen anderen Wagen gemietet, denn dadurch hoffte er, nicht ausspioniert zu werden. 

In München hatte ich einen sehr anspruchsvollen Stammkunden. Der Mann fuhr einen BMW 507, einen schicken Sportwagen, den er regelmäßig in die Werkstatt brachte. Und dann brauchte er für ein paar Tage adäquaten Ersatz. Ich habe ihm seinen Mietwagen vorbeigebracht und jedes Mal 20 D-Mark Trinkgeld dafür bekommen. Wenn wir diesem Kunden am Telefon gesagt hätten, dass er sich seinen Wagen selbst abholen soll, hätte er aufgelegt, und wir hätten ihn verloren. Das meine ich, wenn ich von gutem Service rede. Und wie die Amerikaner sagen: „Service sells“.

… US-amerikanische Touristen:

Die Amerikaner konnten sich Ende der Fünfzigerjahre fast alles leisten. Sie bestellten sich deutsche Fahrzeuge an fast alle „Ports of Entry“ in Europa, die wir zustellten und abholten. Als ich 1956 bei der SU anfing, gehörte das zu meinen Aufgaben. Wir waren gehalten, diese Überführungen so kostengünstig wie möglich zu machen. Es gab einen regelrechten Wettbewerb, wer von uns die kürzeste Strecke von Paris nach Hamburg fuhr. Ich lernte Europa und seine Schleichwege kennen, Autobahnen waren noch dünn gesät. Wir fuhren nach Palermo, Rom, Nizza, Barcelona – oder auch nur zur „United States“ nach Bremerhaven. Für die Hinfahrt fuhren wir Holzklasse auf den europäischen Eisenbahnen, bei der Rückfahrt mit dem Wagen fuhren wir teilweise die Nächte durch. Wurde man nachts um drei Uhr zu müde, wurde kurz die Heizung aufgezogen, dann schliefen wir auf dem Hintersitz, maximal bis sieben Uhr, und weiter ging’s. Die Trinkgelder, die es damals eigentlich immer gab, waren für uns enorm wichtig, von unserem Gehalt hätten wir einen Familienurlaub nicht finanzieren können.

… das Ersatzwagengeschäft Anfang der Sechzigerjahre:

Früher lebten Autovermieter vor allem vom Ersatzwagengeschäft. Und deshalb hat man die Werkstätten umworben, bot ihnen zusätzliche Dienstleistungen an. Zum Beispiel haben wir für Kunden, die einen Unfall hatten, die gesamte Abwicklung übernommen, auch finanziell, der Anwalt zum Beispiel war mit drin. Irgendwann kamen die Versicherungen drauf, dass sie das Geschäft selbst machen könnten, aber bis dahin lief es ziemlich gut. Konkret war das dann so, dass eine Werkstatt, zu der wir enge Beziehungen hatten, anrief und sagte: „Bei uns steht Herr Müller, der hätte gern einen Mercedes.“ Dann trieben wir das gewünschte Modell auf, fuhren zur Werkstatt und übergaben den Wagen dem Kunden, der oft schon nervös trippelnd vor dem Werkstatttresen wartete. Ich habe dieses Geschäft in meiner Zeit in Frankfurt gezielt ausgebaut, auch wenn es nicht jedem gefiel: Gelegentlich wurde ich schon mal als „Werkstattbetriebsleiter“ beschimpft. Dazu muss man wissen, dass Betriebsleiter vor meiner Zeit immer auch Werkstattleiter sein mussten.

Diese Website verwendet Cookies um die Benutzerfreundlichkeit zu erhöhen. Mit der weiteren Navigation auf der Website stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.

Hinweis ausblenden