Elektromobilität: Speed aus der Steckdose

Noch sind Elektroautos auf deutschen Straßen eher eine Seltenheit. Doch das soll sich nach dem Willen der Bundesregierung schon bald ändern. Autohersteller entwickeln immer neue Prototypen, von der praktischen Familienkutsche bis zum schnittigen Flitzer. Auch Mobilitätsdienstleister stellen sich auf Neuerungen in ihrer Flotte ein. Doch neue Autos reichen nicht – die Infrastruktur muss ausgebaut werden. 


313 Stundenkilometer Spitze, von 0 auf 200 km/h in 7,2 Sekunden – das sind Werte, die man eigentlich nur aus der Formel 1 kennt. Doch hinter diesen Eckdaten steckt seit November 2016 erstmals ein Elektrofahrzeug: Der Nio EP9 stammt aus China, bringt rund 1.360 PS auf die Piste und schafft die berüchtigte Nürburgring-Nordschleife in knapp über sieben Minuten. Damit hat er Anspruch auf den Titel als schnellstes Elektroauto der Welt, obwohl ein Europäer schon zum Überholen ansetzt. 

Der „Concept One“ genannte Prototyp des kroatischen Herstellers Rimac soll mit 355 km/h und 2,6 Sekunden von 0 auf 100 noch einen drauflegen. Selbst beim kritischen Thema Reichweite stehen die Sprinter gut da. Der Chinese schafft angeblich 427 Kilometer, der Kroate sogar 600 mit einer Akkuladung. 

Obwohl beide Modelle vorerst nicht in Serie gehen und Fachleute über einen Stückpreis von einer Million Euro spekulieren, ist die Richtung klar: Elektrofahrzeuge aller Klassen kommen langsam, aber gewaltig. Maybach präsentierte im Sommer 2016 mit der „Vision Mercedes-Maybach 6“ ein fast sechs Meter langes Luxus-Coupé mit Elektromotor, und Volkswagen kündigte an, den E-Golf künftig in der Gläsernen Manufaktur in Dresden zu fertigen.

Elektroautos müssen nicht unattraktiv sein: spektakulärer Entwurf für den Mercedes-Maybach 6, ein Coupé mit Spitzenwerten – und Elektromotor

Kommt das erste Elektroauto der Geschichte aus Deutschland?

Dabei ist die Mobilität aus der Steckdose keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, sondern fast so alt wie das Automobil selbst. Eigentlich gilt als dessen Geburtsstunde das Jahr 1886, als Gründervater Carl Benz in Mannheim seinen Motorwagen Nummer 1 zum Patent anmeldete. Das dreirädrige Gefährt mit Verbrennungsmotor ähnelte einem Traktor mit Fahrradfelgen und ist der direkte Vorfahr der Fahrzeuge, die „Benz & Cie.“ ab 1894 serienmäßig herstellte. Kurz darauf präsentierten auch Gottlieb Däumler (später Daimler) und Wilhelm Maybach ihre ersten Automobile. 


Hinter diesem Gründungsmythos der deutschen Automobilindustrie verblasst der elektrische Part der Historie. Denn schon vor Carl Benz’ „Nummer 1“ gab es, neben Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor, auch Dampfwagen und elektrisch betriebene Vehikel. 1888 entstand in der Coburger Maschinenfabrik A. Flocken das erste bekannte Elektroauto. Das „Flockenmobil“ sah aus wie eine Kutsche ohne Pferde und war vermutlich der erste elektrische Pkw nach heutiger Definition. Bis ins nächste Jahrhundert blieb das Rennen um die Antriebsarten unentschieden, und die ersten Geschwindigkeitsrekorde gingen klar auf das Konto der Stromer: 1898 fuhr der Franzose Gaston de Chasseloup-Laubat mit einem E-Mobil 63,14 Stundenkilometer, 1899 erreichte der belgische Rennfahrer Camille Jenatzy mit dem Modell „La Jamais Contente“ („Die niemals Zufriedene“) als Erster eine Geschwindigkeit von über 100 km/h. 

An solche Sensationen war derweil bei Carl Benz noch nicht zu denken. Dort hatte man es vielmehr mit dem Problem der Spritbeschaffung zu tun. Weil die couragierte Gemahlin Bertha Benz auf der 100-Kilometer-Tour von Mannheim nach Pforzheim mit leerem Tank strandete, wurde auf halber Strecke eine Apotheke in Wiesloch zur Tankstelle erweitert. Sie war die erste in Deutschland.

Das erste Elektroauto aus Deutschland war eigentlich eine Kutsche: Andreas Flocken baute den nach ihm benannten „Flockenwagen“ im Jahr 1888

Auch Tom Hanks brachte der E-Mobilität nicht den Durchbruch

Dass sich am Ende der Benzinmotor trotzdem durchsetzte, lag am schnellen technischen Fortschritt im Motorenbau, angefeuert von billig verfügbarem Kraftstoff aus Erdöl. Elektroautos blieben im Hintertreffen, obwohl sie sich in Großstädten als sauber, leise und zuverlässig bewährt hatten und ihre Reichweiten von 30 auf immerhin 100 Kilometer steigerten. Doch an der nachhaltigen Niederlage der Elektromobilität konnten weder Nachkriegswirtschaftswunder noch Ölkrisen etwas ändern. Als sich Europcar noch im Jahr 1991 entschloss, elektrische City-Kleinwagen für Wien-Besucher anzubieten (stolzer Mietpreis: rund 100 DM pro Tag), war dies mehr exotisches Experiment als Zukunftsperspektive. Vor 20 Jahren gewann General Motors Stars wie Mel Gibson und Tom Hanks für einen Feldversuch mit dem neu entwickelten „Electric Vehicle 1“. Obwohl die Hollywood-Ikonen sich nicht abgeneigt zeigten, wurde das in Tausender-Auflage gebaute, 120 km/h schnelle Modell EV1 wieder eingezogen und verschrottet – offiziell wegen Sicherheitsmängeln, inoffiziell wegen Drohungen der Ölindustrie.


Gegen die Jahrzehnte des elektromobilen Kriechgangs nehmen sich die Entwicklungen in jüngster Vergangenheit wie ein Kickstart aus. Im Zuge der Energiewende wird E-Mobilität auch staatlicherseits massiv gefördert. Seit 2014 erlaubt das Elektromobilitätsgesetz deutschen Kommunen, die Straßenverkehrsordnung für Elektrofahrzeuge zu ändern. Im Klartext: Parkplätze an Ladesäulen können für E-Fahrzeuge reserviert, kostenlose Parkplätze verfügbar gemacht und Busspuren geöffnet werden. Gleichzeitig will die EU-Kommission Ladestellen auch für private Neubauten vorschreiben. 4.000 Euro erhält seit April 2016, wer sich in Deutschland für ein Elektroauto entscheidet – eine auf vier Jahre limitierte Initiative von Bundesregierung und Automobilherstellern. Letztere beschlossen Ende November 2016 einen eigenen internationalen Masterplan: In einer gemeinsamen Kraftanstrengung soll das Netz der Schnellladestellen in ganz Europa bis 2020 zügig auf mehrere Tausend ausgebaut werden. 

Grüne Flitzer: Europcars Pilotprojekt auf Sylt

Den rapiden infrastrukturellen Fortschritten hinken die tatsächlichen Zulassungen zunächst hinterher: Im Januar 2015 waren knapp 17.000 Elektrofahrzeuge in Deutschland unterwegs, ein Jahr später rund 25.500. Über dieses Schneckentempo beklagen sich Verbraucher und Hersteller gleichzeitig und monieren, je nachdem, das geringe Angebot oder die geringe Nachfrage. Gemessen daran war Europcar mit innovativen E-Mobility-Angeboten besonders früh am Start: Schon 2011 wurde eine kleine, grasgrüne Citroën-C-Zero-Flotte auf Sylt eingeführt. Als erster großer Autovermieter hatte Europcar damit elektrische Serienfahrzeuge im Angebot. Doch ihren Exotenstatus wurden diese und weitere 2012 eingeführte Flotten-Neulinge wie Peugeot iON, Opel Ampera oder Mercedes Vito E-Cell nicht los.

C-Zero von Citroën: Auf Sylt hatte Europcar ab dem Jahr 2011 eine kleine Flotte dieser Elektrofahrzeuge im Angebot

Christoph Königsmann, Director Fleet von Europcar Deutschland, bestätigt die Zurückhaltung der Kundschaft bei Elektrofahrzeugen: „Vergleichbar mit der geringen Anzahl an Neuzulassungen von Elektroautos ist auch die Nachfrage nach solchen Fahrzeugen bei uns relativ klein. Unsere bisherigen Erfahrungen in diesem Bereich haben jedoch gezeigt, dass wir als Autovermieter grundsätzlich dazu beitragen können, Hemmungen gegenüber der Elektromobilität abzubauen. Doch momentan bestehen bei den Kunden vor allem aufgrund der wenig ausgebauten Infrastruktur noch zu viele Bedenken.“

Norwegen ist Vorreiter bei der Elektromobilität

Eine Million Elektrofahrzeuge in Deutschland im Jahr 2020, so lautet seit 2013 das erklärte politische Ziel der Bundesregierung. Bis 2030 sollen es sechs Millionen sein. Obwohl schon jetzt feststeht, dass diese Zahlen nicht mehr erreichbar sind, wird das Thema Elektromobilität aktuell bleiben. Das zeigt auch der Blick in die europäische Nachbarschaft: 2015 waren in den Niederlanden 5,7 Prozent der Neuzulassungen Elektrofahrzeuge, in Norwegen sogar 33,1 Prozent (Deutschland: 0,6 Prozent). Außerdem will Norwegen ab 2025 Verbrennungsmotoren grundsätzlich verbannen. 


Experten sind sich einig, dass auch EU-weit kontinuierlich verschärfte Emissionsvorgaben mittelfristig die Nachfrage bei Elektroautos fördern werden. Das wird sich zugleich auf das Kundenverhalten bei der Autoanmietung auswirken. Bei Europcar ist man sich dessen bewusst: „Die Elektromobilität wird für uns ein größeres Thema werden, wenn die Reichweiten der Fahrzeuge größer werden und es eine stärkere Gewöhnung an und Vorkenntnisse von Elektromobilität gibt“, sagt Christoph Königsmann.

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